Helga Blume-Matzke

Jesus am Kreuz – weil wir alle Sünder sind?

Donnerstag, 11. April 2013

In den institutionalisierten christlichen Kirchen spielt folgender Glaube eine tragende Rolle, dass Jesus als der von Gott verheißene Messias ein sündloses Leben führte, viele Zeichen und Wunder tat und als Sühneopfer für die Schuld der Menschen am Kreuz von Golgatha starb. Durch den Kreuzestod und Seine Wunden sollten die Schuld der Menschen bzw. Christen vergeben sein, und durch Seine Wunden seien die Menschen geheilt und von ewiger Verdammnis erlöst.

Von Kindheit an empfand ich dieses Dogma, vor allem angesichts des blutenden Mannes am Kreuz, direkt an der Frontseite des Kirchenraumes, als außerordentlich grausam und bedrückend. Von meinem Blickwinkel aus überstrahlte dieses Bild alles andere, was in der Kirche als Frohbotschaft gepredigt wurde. Es hieß ja, wir Menschen seien durch unsere Bosheit schuld an allen Schmerzen, die Jesus durch die Kreuzigung erlitten hat. Dabei seien wir dazu noch mit einer Erbsünde belastet, die ein Teil unserer Vorfahren begangen haben soll.1 Es hieß, nur durch die Kreuzigungs-Qualen Seines einzigen Sohnes sähe sich Gott in der Lage, den Menschen zu vergeben, um sie schließlich doch irgendwann in Sein Himmelreich aufzunehmen anstatt der ewigen Verdammnis preiszugeben.2

Ich frage mich: Wie kann ein unendlich liebender Gott Seinen lieben und einzigen Sohn einer solchen Tortur preisgeben und davon die menschliche Schuldvergebung Menschen gegenüber abhängig machen? Was ergibt das für ein Gottesbild? Zugleich erschien mir von jeher dieses Dogma auch sonst nicht schlüssig. Denn – unter Auslassung der Möglichkeit mehrerer Erdenleben – hätten ich und meine Eltern samt meiner Freunde bereits eine Schuldenvergebung durch den Kreuzestod genossen, ohne zu dieser Zeit bereits Sünden begangen zu haben, weil ich ja noch gar nicht geboren war. Dieser Prozess wäre somit vorbeugend für uns geschehen, auf „gut Glück“ für den Fall, dass ich überhaupt einmal geboren werde. Außerdem konnte ich mir noch nie vorstellen, dass ein anderer Mensch, und sei er noch so vollkommen, meine Sünden anstatt meiner Person zu sühnen in der Lage ist.

Zwar ist in der gesamten Bibel immer wieder die Idee Jesu vom Sühnetod für die Sünden der Menschen zu finden, doch scheint diese Idee eher Ausfluss der in vielen Kulturen des Altertums selbstverständlicher Brauch der Opferung unschuldiger Menschen zu sein, um Vergebung zu erreichen. Mich erinnert ein solches Gottesbild eher an ein Ungeheuer bzw. an ein verwöhntes, wütendes Kind, das sich nur durch eine unverhältnismäßg große „Wiedergutmachung“ beruhigen lässt. Mir fällt da spontan der Baalskult ein, nach dem ja heute noch Menschen geopfert werden, um diesen „Gott“ (Baphomed) gnädig zu stimmen. Dass der wahre Gott keine Menschenopfer wollte, zeigt sich in der Erzählung von Abraham und dessen Sohn Isaak. (1. Mose 22,1-19)

Mein ganzes Leben lang war dieses Dogma für mich Rätsel und Belastung zugleich. Schließlich – nach vielen Studien und Forschungen – kam ich zu dem Schluss, dass diese Geschichte wohl anders gemeint müsste. Nach meiner Recherche heißt „Sünde“ einfach: „von Gott abgesondert sein“. Im Brockhaus Lexikon der Bibel Seite1355 ist zum Begriff der Sünde zu lesen: „Abwendung vom Vaterhaus und Irren in der Fremde“.

Anlässlich des so genannten Hinauswurfs aus dem Paradies hieß es nicht: „Auf ewig sollst du im Schweiße deines Angesichts dein Brot essen“.Die verführende Schlange kann eine doppelte Bedeutung haben: einmal als Symbol der Weisheit, andererseits als das Dunkle, die Materie, der so genannte Teufel als Vertreter und Sachwalter des Dunklen. So verstehe ich es, dass mit der Verführung zum Verspeisen des Apfels vom Baum der Erkenntnis der Mensch den Entschluss gefasst hat, durch den Abstieg in das Dunkle, die Materie zur Weisheit zu kommen. Dass Gott vollständig damit einverstanden war, zeigt besonders die Metapher vom verlorenen Sohn. Dort billigt Gott hundertprozentig, dass der Sohn samt seinem Erbteil (mit seinen guten Potentialen) den Vater für eine Weile verlassen hat, um schließlich reich an Erkenntnissen und Erfahrungen, wenn auch bettelarm an materiellen Gütern, bei seiner Rückkehr herzlich vom Vater aufgenommen zu werden. Nicht nur das. Der brav beim Vater zuhaue gebliebene andere Sohn wurde nicht belobigt, offenbar, weil er zuhaue geblieben war und deswegen keine Erkenntnisse in der Fremde erworben hatte. Genau dies ist die Geschichte des sich entwickelnden Menschen im Laufe seines Lebens. (Lukas 15, 11-32)

Einen Nachteil für den Menschen hatte seine Reise in Dunkelheit und Verstrickung. Zu Beginn funktionierte der Kontakt zu seinem liebenden Vatergott noch ganz gut, jedoch änderte sich dies im Laufe seines langen Weges. Indem er immer mehr mit der Materie und allen ihren Facetten konfrontiert und schließlich darin verstrickt wurde, entfernte er sich automatisch immer mehr von den lichten Höhen, in denen sein göttlicher Vater wohnte, bis er ihn schließlich aus den Augen verlor. So viele verführerische Dinge im materiellen Leben winkten, die ihm viel attraktiver erschienen als alles andere. Ihm wurde vorgegaukelt, alle Macht sowie allen Prunk der Welt erlangen zu können und so seinen göttlichen Vater nicht mehr für sein Glück zu brauchen. Vielleicht fielen ihm noch nicht einmal Betrug und Mord schwer, um seine Ziele zu erreichen. Dies ging so lange, bis er feststellte, dass eine solche Freude nicht nur sehr kurz war, sondern schließlich großes Leid nach sich zog – für die Menschen, auf deren Kosten er gelebt hatte, wie auch für ihn selbst.

Und trotzdem ist der Mensch immer Gottes Kind geblieben. In der Bibel ist oft die Rede davon, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist (z.B, bei 1. Johannes, 3,1-2) und – gleichgültig was er tut und welche Fehler er begeht (Erfahrungen sammelt) – unendlich von Gott geliebt wird. Denn Gottes Liebe ist bedingungslos. (Röm.8,35)

Nun hat Gott ja mit seinen Menschen etwas vor gehabt. Als Seine Söhne und Töchter hat Er sie berufen, so zu werden wie Er selbst, was Christus ausdrückt mit den Worten: „Werdet vollkommen so wie mein Vater im Himmel vollkommen ist“.(Matth.5,48)

So sah sich Gott genötigt, Seinen liebsten Sohn, der ja den Weg zur Vollkommenheit des Vaters bereits hinter sich gebracht hatte und jetzt mit Seinem göttlichen Vater in höchster Glückseligkeit lebte, auf die Erde zu den Menschen zu senden. Die Aufgabe Jesu Christi war, die Menschen über ihren göttlichen Vater (5.Mose, 14,1) zu unterrichten und sie zu lehren, dass sie Söhne und Töchter eines sie bedingungslos und unendlich liebenden Gottes sind. Seine Aufgabe war es, den Menschen klar zu machen, wie sie als Kinder dieses Gottes leben sollten, um göttliche Vollkommenheit zu erreichen. Dies ist der eigentliche Sinn des Erdenlebens Jesu Christi.3

Dass dies für Ihn ein großes Opfer war, sich in ein Leben voller Leid und Schmerzen zu begeben, kann man sich leicht vorstellen. Da die Regierenden durch Ihn und Seine Lehre einen Verlust ihrer Macht sahen, weil Er dem Menschen Wege der Befreiung aus politischer und geistiger Knechtschaft zeigte, hatte dies zur Folge, dass er einen gewaltsamen und grausamen Tod sterben musste als eine Strafe, die unter römischer Herrschaft durchweg üblich war.

Jeder kundige Religionswissenschaftler wird zugeben, dass viele bedeutende geistige Lehrer ein ähnliches Schicksal erlitten. So gliedern sich zahlreiche andere Menschheitslehrer und -erlöser in diese Reihe, wie beispielsweise Krishna in Indien, Indira in Nepal und Tibet. Ihre Heilsgeschichte gleichen der von Jesus Christus auf vielerlei Art. So ist allen gemeinsam, dass sie von einer jungfräulichen Mutter geboren wurden, ein Leben voller Opfer und Entbehrungen durchmachten und eines gewaltsamen, oft grausamen Todes starben. Nach ihrem Abstieg in Dunkelheit und Hölle erstanden sie von den Toten auf. Übrigens sagte auch Buddha: „Werft alle Sünden der Welt auf mich, dass die Welt befreit sein möge!“)4

Fazit:

So haben wir es hier hauptsächlich mit zwei Problemkreisen zu tun, deren gängige Ausdeutung zweifelhaft erscheint, nämlich

1. die „Erbsünde“

2. die stellvertretende Schuldübernahme durch Jesus.

Die „Erbsünde“ als Begriff kommt in der Bibel nicht vor. Erst Augustinus definierte sie.

Da Gott Seinen Sohn geliebt hat, ist es nicht verständlich, dass Er ihm ganz speziell einen grausamen Kreuzestod zugemutet hat, um den Menschen ihre Sünden zu vergeben. Über die Ausdeutung der Kreuzigung Jesu als notwendiger Opfertod zur „Erlösung“ der Menschheit wurde auch in kirchlichen Kreisen5 ausgiebig diskutiert, zumal aus der Bibel kein eindeutiger Zweck hergeleitet werden kann. Es gibt zu viele Widersprüche.

Warum hat Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn vorgetragen? Doch sicher deshalb, um klarzumachen, dass nach Gottes Willen der Mensch auf der Erde möglichst viele Erfahrungen machen soll, dass das Erdenleben keine Strafe ist, vielmehr Schulung zu Erkenntnis, Weisheit und göttlicher Vollkommenheit. Es zeigt auch, dass der Mensch mit der Rückkehr zu Gott durch seine eigene Einsicht, die er mit Hilfe der Lehre Jesu gewonnen hat, der Erlösung hin zu ewiger Herrlichkeit zugeführt werden kann. Dabei zeigt ihm seine eigene Gotteskindschaft den Weg. Jesus Christus ist Lehrer und Wegweiser auf dem Wege zu Unsterblichkeit, göttlicher Vollkommenheit und Herrlichkeit Gottes.

1 Der Begriff der Erbsünde finden wir nicht in der Bibel, sondern in erster Linie bei Augustinus (geb.354) S. Wikipedia.

2 Auch diese These des stellvertretenden Sühneopfers Jesu habe ich in der Bibel nirgends gefunden. Helmut Fischer beschreibt in seinem Buch: „Musste Jesus für uns sterben“ die gängige Deutung wie folgt: „Das Interpretationsmodell des Sühnetods und der Opferung war für jüdisches Denken ebenso plausibel wie für Menschen, denen die griechischen Opfermythen und die Mysterienkulte der hellenistischen Welt vertraut waren.“( http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/773373/)

Nach „Gekreuzigt für uns – zum Heil der Welt? – Die christliche Opfertheologie und ihre unheilsamen Folgen““ von Regula Strobel, Theologin, Freiburg i. Ue.* handelt es sich um eine Interpretation , die sich als solche „richtige“ Deutung Kreuzestheologie durchgesetzt hat. (http://www.kirchen.ch/pressespiegel/nzz/0042.ht)

3 Alice A. Bailey, Von Bethlehem nach Golgatha, S. 204

4 Ebenda, S. 207

5 Siehe: http://wiki.rpi-virtuell.net/index.php/Kreuzestod_Jesu_%28Spiritualit%C3%A4t%29

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